Bericht von Daniela Zenth
„1000 Kilometer gegen die Flut“
Afgeregtes Gemurmel schwappt am Mittag des 9. Septembers, wie eine Welle, über den Schulhof. Man tuschelt und kichert. Ab und zu dringen Wortfetzen an das Ohr: „Guck mal, die Presse ist auch schon da...Hoffentlich halte ich bis zum Schluss durch...“
Als dann endlich der Startschuss aus der Pistole von Schuldirektor Dr. Claußen abgefeuert wird, gibt es für die 270 Schüler und Lehrer der Realschule Ganderkesee kein Halten mehr. Zu Fuß und auch auf Inline-Skates beginnt um genau 11:45 Uhr der große Benefizlauf für die Opfer der Hochwasserkatastrophe der Stadt Wehlen in der sächsischen Schweiz. Unter dem Motto „1000 km gegen die Flut“ legen die Teilnehmer pro Runde eine Strecke von 1,5 Kilometern zurück. Innerhalb weniger Sekunden ist der Schulhof wie leergefegt. Zurück bleiben das Komitee, ein sichtlich zufriedener Dr. Claußen und ein Schüler der etwas abseits auf einer Bank sitzt. Es ist Oliver Feig aus der 8b. Etwas frustriert starrt er auf seine Schuhe und erklärt:
„Ich habe mir am Donnerstag beim Handball eine Bänderdehnung zugezogen. Ich würde auch sehr gerne mitmachen und finde es toll, dass wir für die Flutopfer laufen.“ Während Oliver auf die Ankunft der ersten Läufer wartet, steht Dr. Claußen stolz am Komiteetisch und freut sich über die Einsatzbereitschaft seiner Schützlinge:
„Die Schüler sind mit Begeisterung und großem Engagement dabei. Die Idee zu dem Spendenlauf entstand in der SV-Sitzung. Wir haben bewusst eine Stadt gewählt, die von der Presse noch nicht so sehr in den Mittelpunkt gerückt worden ist. Die Menschen in Wehlen sind in Not und wir vermitteln Ihnen Hilfsbereitschaft, Solidarität und natürlich Geld, um das alles wieder aufzubauen. Unsere Schüler werden von ihren Eltern und von einigen Betrieben gesponsert. Der Erlös unseres Benefizlaufs geht dann an einen Kindergarten und an Familien mit Kindern.“
Im Verlauf des Gesprächs sind schon die ersten Läufer und Skater am Komiteestand eingetroffen und lassen sich ihre erste Runde abzeichnen, um sich anschließend gleich wieder auf den Weg zu machen. Es ist herrliches Wetter, und die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel auf die Läufer herab. Doch nach mehreren Runden macht die Hitze den Schülern ganz schön zu schaffen, und die Getränke sind heiß begehrt. Runde um Runde kommen die ehrgeizigen Läufer ihrem sich selbst gesteckten Ziel näher. Jonathan Gilbert aus der 9a ist ebenfalls begeistert bei der Sache. Er bringt die momentane Situation in den Hochwassergebieten auf den Punkt:
„Die Menschen dort haben alles auf einen Schlag verloren. Diese Dinge haben ja nicht nur einen materiellen, sondern auch einen ideellen Wert.“
Nach etwa drei Runden sind die ersten Läufer schon ziehmlich geschlaucht. Trotzdem versuchen sie, so viele Runden wie möglich zu schaffen. Schwitzend und keuchend passieren sie die acht Kontrollpunkte, die unter Lehreraufsicht stehen. Frau Jordan weist lachend aber bestimmt zwei Ausreißer zurecht. Ihre Frage „Ihr wollt ja wohl nicht etwa die Abkürzung nehmen?“ wird von einem unschuldigen Grinsen und einem langgezogenen „Neeeeiiin, wir doch nicht...“, beantwortet. Inzwischen haben die ersten Läufer kapituliert. Die Hitze und der Durst sind einfach zu groß. Nur einige wenige zähe Mitstreiter, darunter Philipp Wulf, Oliver Müller und Sebastian Zenth, halten tapfer bis zum Schluss durch. Als um Punkt 13:05 Uhr, kurz nach dem Läuten der Schulglocke, der Benefizlauf beendet wird, sind einige Schüler etwas enttäuscht: „Wir finden es schade, dass wir so pünktlich Schluss machen mussten, nur weil einige Lehrer nicht länger bleiben wollten. Wir wären gerne noch weitergelaufen.“
Alles in allem haben sich alle Schüler wirklich wacker geschlagen, egal ob mit oder ohne Rollen an den Füßen. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde vom Kumpel Huckepack getragen. Die Jugendlichen haben bewiesen, dass sie selbst die Initiative ergreifen können. Ihr Engagement und vor allem ihre Hilfsbereitschaft haben mit dazu beigetragen, dass die Opfer der Hochwasserkatastrophe wieder neue Hoffnung schöpfen können.
von Daniela Zenth